30 Minuten zu früh. Mindestens!
Bei jeder Verabredung und zu jedem Termin: Ich war und bin schon immer zu früh.
Nicht fünf Minuten.
Eher: absurd zu früh.
Die Art von früh, bei der man lieber nochmal um den Block läuft, damit niemand merkt, dass man psychologisch bereits seit 14:12 Uhr vor einem Termin um 15 Uhr existiert.
Lange dachte ich: Das kann kein ADHS sein. ADHS sind doch die Menschen, die ständig zu spät kommen. Die chaotisch sind. Die alles vergessen.
Ich dagegen hatte oft das Gefühl, mein ganzes Leben besteht aus Vorbereiten, Kontrollieren und innerlichem Krisenmanagement.
Heute verstehe ich: Das war bei mir nie Gelassenheit.
Das war Angst. Termine fühlen sich für mein Gehirn nämlich selten wie ein normaler Teil des Tages an. Sie übernehmen den ganzen Tag. Wenn ich um 18 Uhr einen Termin habe, denkt mein Gehirn ungefähr ab mittags: ‚Gut. Dann machen wir jetzt einfach gar nichts mehr.‘
Denn: Was, wenn ich die Zeit vergesse? Was, wenn ich zu spät komme? Was, wenn etwas schiefgeht? Was, wenn der Bus nicht kommt? Was, wenn ich plötzlich keine Energie mehr habe? Was, wenn ich mich komplett verschätze?
Also entsteht Sicherheitsplanung. Sehr viel Sicherheitsplanung. Ich rechne Pufferzeiten ein wie andere Menschen Evakuierungsrouten. Und das Absurde ist: Nach außen wirkt das oft einfach nur organisiert. Verantwortungsvoll. Pünktlich. Strukturiert.
Innerlich fühlt es sich aber eher an wie ein Flughafen kurz vor einem Unwetter. Die Anspannung zieht sich oft durch den kompletten Tag. Sie steigert sich langsam immer weiter. Und egal ob der Termin schön ist oder nicht: Ich kann mich vorher kaum auf etwas anderes konzentrieren.
Mein Gehirn wartet einfach. Ich glaube, viele verstehen nicht, dass ich nicht nur die eigentliche Zeit warte. Ich warte oft schon Stunden vorher. Und wenn dann jemand zu spät kommt, werde ich manchmal richtig wütend. Nicht weil die paar Minuten objektiv schlimm wären. Sondern weil ich innerlich gefühlt schon seit drei Stunden in diesem Termin sitze.
Ich habe sogar versucht, absichtlich später loszugehen. Normaler zu sein. Lockerer. Aber es fühlt sich fast zwanghaft an. Als würde mein Gehirn permanent versuchen, jede mögliche Katastrophe zu verhindern, bevor sie überhaupt existiert.
Und vielleicht bin ich manchmal auch neidisch auf Menschen, die einfach irgendwann losgehen können, ohne vorher ihren ganzen Tag mental zu simulieren. Warten fühlt sich für mich nicht neutral an. An schlechten Tagen kann sich diese Anspannung sogar bis Panik steigern. Und genau deshalb schaffe ich oft auch nur einen zusätzlichen Termin pro Woche neben der Arbeit. Kein Witz, ich lebe wie ein Eremit mit modernem Homeoffice.
Selbst schöne Dinge kosten Energie: Freunde treffen, ein Konzert, ein Cafébesuch, irgendetwas unternehmen. Nicht weil ich das nicht will. Sondern weil jeder Termin für mein Gehirn ein riesiges Ereignis wird.