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ADHS? Ich? - Pff!

A D H S.
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.


Ganz ehrlich: Schon allein dieses Wort erzeugt in meinem Kopf ein Bild, das mit meinem Erleben kaum etwas zu tun hat. Und lange war meine Reaktion deshalb ungefähr: „ADHS? Ich? Pff.“Ich glaube, das liegt auch an der Begrifflichkeit selbst.

A wie:
„Aufmerksamkeits…“

also: kann sich nicht konzentrieren.

D wie: „Defizit.“
da ist direkt schon eingebaut, dass irgendetwas an dir fehlt oder falsch ist.

H wie: „Hyperaktivität.“
Und sofort hat man dieses Bild von jemandem, der nicht stillsitzen kann, zappelt, rumrennt...

S wie: „Störung.“
Ja, so fühl ich mich. Ich bin eine Störung. Danke!

Es klingt jedenfalls nicht wie:
Daueranspannung.
Überkontrolle.
Inneres Chaos.
Reizüberflutung.
Emotionale Intensität.
Hyperfokus.
Erschöpfung.

Ich erkannte mich darin (u.a) deshalb so lange nicht, denn...

Ich bin geplant.
Zuverlässig.
Leistungsbereit.
Effizient.
Ich habe gute Ergebnisse bei der Arbeit.
Ich bin pünktlich.
Absurd pünktlich.

Das passt ja erstmal überhaupt nicht zu dem Bild, das viele von ADHS haben.
Und deshalb halte ich mich einfach immer für falsch. Als Kind wurde ich oft „Grimmhilde“ oder „Prinzessin auf der Erbse“ genannt. Und irgendwann glaubt man sowas.

ich bin eben:
zu empfindlich,
zu egozentrisch,
zu anstrengend.
Eine Störung.

Und immer ist da dieses Gefühl, nirgendwo wirklich hinzupassen. Nicht richtig in Gruppen. Nicht richtig in Beziehungen. Nicht richtig in soziale Räume. Als müsste ich mich permanent anpassen, damit ich überhaupt irgendwie mitlaufen kann.

Auf ADHS stieß ich eigentlich eher zufällig. Oder ehrlicher: durch einen Menschen.
Eine wundervolle neurodivergente Person, die mich irgendwie sofort gesehen hat, mich und das ADHS. Und das Verrückte ist:
Bei ihr dachte ich sofort: „Die hat wahrscheinlich ADHS.“ Bei mir selbst aber überhaupt nicht. 😄

Sie erzählt mir von ihrer Geschichte. Auch ihrer Leidensgeschichte. Davon, dass sie auch erst mit über 30 diagnostiziert wurde. Und wie sehr Diagnose und Behandlung danach etwas veränderten Und plötzlich beginne ich, mich wirklich damit zu beschäftigen. Drei Tage später sitze ich als Selbstzahlerin in einer Diagnostik.

Und während der Diagnostik passierte etwas sehr Seltsames. Bei manchen Fragen fange ich fast an zu heulen. Nicht weil sie schlimm sind. Sondern weil ich mich plötzlich gesehen fühlte. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass jemand nicht nur mein Verhalten sieht, sondern auch die komplette Überforderung darunter:

Die ständige innere Anspannung.
Die Schlaflosigkeit trotz Erschöpfung.
Den Hyperfokus.
Die Dauerüberwachung meines eigenen Verhaltens.
Das Gefühl, dass Chaos ausbricht, wenn ich aufhöre alles zu kontrollieren.
Und gerade jetzt, eine Woche nach dieser Diagnose, bin ich irgendwo zwischen:
Erleichterung, Trauer, Überforderung und kompletter Reizüberflutung.

Plötzlich mach alles Sinn. Nicht alles. Aber erschreckend vieles. Und gleichzeitig macht mich wütend, wie veraltet das Wissen über ADHS teilweise noch ist. Nicht nur öffentlich. Sondern auch Fachkräften. Psychiater:innen. Neurolog:innen. Psychologische Fachkräfte. Teilweise wird dort immer noch mit Bildern gearbeitet, die so vielen Menschen überhaupt nicht gerecht werden.
Vor allem Frauen und Mädchen,
Vor allem Menschen, die gelernt haben, ihr komplettes Chaos irgendwie nach innen zu verlagern. Und ich glaube, das Traurigste daran ist: Viele Menschen, wie auch ich, kämpfen ihr ganzes Leben gegen sich selbst, ohne zu wissen warum. Weil niemand erkennt, wie ADHS auch aussehen kann.

 

Daher hier die Übersetzung von A-D-H-S, wie sie besser zu verstehen ist. (Das ist auch faktenbasiert aber eben auch mein ganz persönliches Erleben, nicht jede Person mit ADHS hat alle Merkmale und erlebt das so wie ich.)

 

A wie Aufmerksamkeit: Ich kann aufmerksam sein und mich konzentrieren, bin effizient und schnell wie Maschine im Kopf – aber nur wenn mein Hirn etwas interessant finden. ADHS-Gehirne funktionieren Interessengeleitet -  durch äußere oder innere Reize, z.B. weil ich etwas super spannend finde oder weil es starken Termindruck gibt. Kleiner Teaser: bei maximaler Konzentration und Interesse geraten solche Köpfe in den Hyperfokus, d.h. für mich ist nur noch dieses Thema da, der Rest, sogar mein Körper verschwindet. Neulich habe ich, weil mein Kater eine Zecke hatte, versehentlich 3 Stunden über Zecken gelesen…:D

D wie Defizit: Als Kind dachte ich das auf Aufmerksamkeitsdefizit bedeutet, dass das Kind mehr Aufmerksamkeit braucht als andere Kinder, weil es so störend ist. Da waren halt die Bilder von Jungs bei der Super-Nanny in meinem Kopf. Problemkinder. Da könnte ich direkt heulen. Aber kurzum, es besteht insofern ein Defizit in der Aufmerksamkeit (wenn man denn unbedingt eines draus machen will), als das man nur mit viel Energie lenken kann, bei was man sich konzentrieren kann.

 

H wie Hyperaktivität:  Ja gibt auch diese Zappelphilipps/philippas, aber es kann auch eben bedeuten, dass die Hyperaktivität sich im Inneren abspielt, bei mir heißt das Gedanken- und Grübelzwang, mein Hirn geht nie aus, nie Entspannung immer voll im Kampfmodus. Bewegungsdrang hab ich aber auch - z.B. laufe ich während ich telefoniere ziellos in der Wohnung umher, zuppel ständig an mir rum oder suche Vorwände  um in Meetings aufzustehen, damit es nicht komisch wirkt ;)

S wie Störung: So wird es oft noch gesagt auch im medizinischen Kontext. Jetzt gibts Trends zum Begriff Syndrom stattdessen. Ist ja auch Wurscht, es meint im Endeffekt einfach nur nicht neurotypisch, also anders als die meisten Gehirne. Nicht schlechter, nicht besser. Das neurodivergente Hirn arbeitet eben anders.

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