Smalltalk ist Talltalk
Für manche Menschen ist Smalltalk etwas Lockeres.
Einfach ein bisschen reden.
Ein bisschen lachen.
Ein bisschen:
„Na, wie war dein Wochenende?“
Mein Gehirn behandelt Smalltalk eher wie eine Mischung aus:
• sozialpsychologischer Prüfung
• Schachturnier
• Improvisationstheater
• und Bombenentschärfung.
In Echtzeit.
Während ich rede, laufen ungefähr gleichzeitig folgende Programme:
• Schaue ich genug in die Augen?
• Schaue ich ZU viel in die Augen?
• War das gerade zu ehrlich?
• Rede ich zu viel?
• Rede ich zu wenig?
• Bin ich komisch?
• War das ein normaler Gesichtsausdruck?
• Habe ich zu schnell geantwortet?
• Warum hat die Person gerade so geguckt?
• War das Ironie?
• Sollte ich jetzt lachen?
• War mein Lachen komisch?
• Wie lange ist eine sozial akzeptierte Pause?
• Bin ich gerade anstrengend?
• Merkt man, dass ich komplett überfordert bin?
Und gleichzeitig kämpfe ich oft massiv damit, Menschen nicht zu unterbrechen. Nicht weil ich respektlos bin. Sondern weil mein Gehirn schon zehn Gedanken weiter ist, während die andere Person noch beim ersten Satz ist. Manchmal will ich schon antworten, bevor jemand überhaupt fertig gesprochen hat. Und gleichzeitig schweife ich innerlich ständig ab. Nicht unbedingt, weil ich die Person uninteressant finde.
Sondern weil mein Gehirn unglaublich schnell gelangweilt ist, wenn es nicht genug Reize bekommt. Dann denke ich gleichzeitig:
&übersetzt die Person,
den Raum,
die Stimmung,
das nächste Thema,
irgendeine Erinnerung,
eine Formulierung,
oder plötzlich darüber,
ob Pinguine Knie haben.
Während ich trotzdem versuche, weiter sozial normal zu wirken. 😄
Das Faszinierende ist:
Nach außen wirke ich dabei (wahrscheinlich) oft völlig normal.
Teilweise sogar charmant.
Was Menschen nicht sehen:
Mein Gehirn arbeitet währenddessen auf absoluter Höchststufe.
Und gleichzeitig passiert noch etwas anderes.
Während andere vielleicht einfach nur reden,
denke ich oft die ganze Zeit über die andere Person nach.
Ist sie glücklich?
Wie fühlt sie sich gerade wirklich?
Was beschäftigt sie?
Was macht sie gern?
Wie sieht ihr Innenleben aus?
Ist sie gerade nur höflich oder eigentlich traurig?
Wie viel von dem, was ich gerade sehe, ist echt — und wie viel ist Maske?
Damals hatte ich noch keinen Begriff für „Masking“.
Aber ich glaube, ich habe mich schon immer gefragt,
ob im anderen Menschen vielleicht auch irgendwo ein Sturm ist.
Ob andere sich vielleicht genauso fremd, überfordert oder versteckt fühlen wie ich manchmal.
Und während Smalltalk für viele einfach ein lockeres Gespräch ist,
fühlt es sich für mich oft gleichzeitig an wie:
soziale Analyse,
emotionale Spurensuche
und der Versuch, kurz hinter die Fassade eines Menschen zu schauen.
Manchmal komme ich aus Gesprächen raus wie andere Menschen aus einem Escape Room:
erschöpft,
leicht verwirrt
und nicht ganz sicher,
ob ich gerade sozial erfolgreich war
oder versehentlich mehrere Regeln gebrochen habe.
Besonders absurd finde ich:
Mein Gehirn speichert kleine soziale Situationen teilweise wie ungelöste Kriminalfälle. Zum Beispiel:
Die Servicekraft sagt:
„Guten Appetit.“
Und ich antworte:
„Dir auch.“
Warum? Keine Ahnung. Aber mein Gehirn wird diese Situation jetzt vermutlich archivieren, nachts nochmal prüfen und mir in drei Monaten beim Einschlafen erneut vorspielen.
Smalltalk fühlt sich für mich oft nicht leicht an.
Nicht weil ich Menschen nicht mag.
Ganz im Gegenteil.
Sondern weil mein Gehirn soziale Situationen selten automatisch verarbeitet.
Vieles läuft bewusst. Analytisch. Kontrolliert.
Und dadurch unglaublich energieintensiv.
Ich glaube, viele Menschen verstehen gar nicht,
wie anstrengend es sein kann,
ständig gleichzeitig:
• sozial funktionieren
• sich regulieren
• analysieren
• reagieren
• filtern
• kompensieren
zu müssen. Und das Verrückte ist: Oft merkt es niemand.