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Zu viel

Ich glaube, viele Menschen verstehen soziale Erschöpfung im Kontext von Neurodivergenz falsch. Das klingt immer so, als würde man Menschen einfach nicht mögen. Oder als wäre man halt „gern allein“. Aber so fühlt sich das für mich überhaupt nicht an. Eigentlich mag ich Menschen sogar sehr. Vielleicht manchmal zu sehr. Das Problem ist eher, dass soziale Situationen für mich unglaublich intensiv sind. Vor allem, wenn unausgesprochene Gefühle und Dinge im Raum stehen. Und unausgesprochenes halte ich wirklich kaum aus. Das greift sofort Raum in mir.

Blicke. Stimmungen. Kleine Veränderungen. Irgendwas „Komisches“ in der Luft. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, obwohl niemand es sagt. Mein Gehirn scannt das permanent mit. Und das macht mich komplett fertig. Je nachdem, wie viel es war, brauche ich danach mindestens zwei Tage, um mich wieder zu erholen. Wenn es mehrere Menschen waren, oder Familie, kann mich das sogar eine Woche erschöpfen. Weil da einfach noch mehr unausgesprochene Gefühle und Dinge im Raum sind, die ich schlecht aushalten kann.

Und das Verrückte ist: Menschen sehen meistens nur den Abend mit mir. Nicht die Tage danach. Nicht die Kopfschmerzen. Nicht die komplette Überlastung. Nicht dieses Gefühl, als hätte mein Nervensystem einfach aufgehört, noch irgendetwas zu können. Ich glaube, ich habe mich schon immer als Störfaktor empfunden. Ich störe Harmonie. Ich störe Ruhe. Ich störe Abläufe. Ich störe einfach dadurch, dass ich da bin. Und dieses Gefühl trage ich, schon mein ganzes Leben mit mir herum. Fast so, als sei ich als Störung auf die Welt gekommen.

Ich bin zu viel

Tiefe Überzeugungen begleiten mich, wie: Ich bin anstrengend. Ich belaste. Ich bin zu viel von allem. Zu laut. Zu emotional. Zu intensiv. Zu viel redend. Zu viel fühlend. Und vielleicht maskiere ich deshalb auch so viel. Damals hatte ich dafür noch keinen Begriff. Aber ich glaube, ich hatte schon sehr früh Angst, dass Menschen sich abwenden, wenn ich wirklich ganz ich bin.

Und ehrlich: Diese Angst habe ich auch heute. Ich habe Angst, dass sich noch mehr Menschen von mir abwenden, wenn ich bewusst weniger maskiere. Dass Menschen vielleicht nur die Version von mir mögen, die sich genug zusammenhält. Und gleichzeitig wünsche ich mir eigentlich nichts mehr, als einfach mal wirklich echt sein zu dürfen. Nicht nur eine Version meiner Selbst. Aber genau das macht mir Angst. Weil ein Teil von mir glaubt: Wenn ich wirklich ganz ich bin, bin ich einfach zu viel.

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