Im Auge des Sturms - der Hyperfokus
Vom Verschwinden der Zeit und meiner selbst
Eigentlich wollte ich nur kurz an dieser Website arbeiten. Ein bisschen schreiben. Ein paar Gedanken sortieren. Vielleicht eine Unterseite anfangen. Acht Stunden später sitze ich immer noch da. Mit Kopfschmerzen. Herzrasen. Wackligen Beinen. Fast am Heulen, weil ich dringend aufs Klo muss und gleichzeitig nicht aufhören kann. Und ich glaube, das ist einer der absurdesten Teile von Hyperfokus: Ich merke Hunger irgendwann nicht mehr richtig. Harndrang auch nicht. Müdigkeit sowieso nicht. Mein Körper existiert plötzlich nur noch sehr weit hinten irgendwo, wie eine leise Hintergrundmeldung, die gegen hundert andere Prozesse verliert. Ich bin dann eigentlich nur noch: Denken. Schreiben. Verbinden. Verstehen. Tieftauchen.
Und Zeit existiert dabei irgendwann nicht mehr richtig. Nicht, weil ich sie vergesse. Sondern weil sie plötzlich keine Bedeutung mehr hat. Es gibt dann nur noch: das Thema. Und mich darin. Und ehrlich? Es fühlt sich gleichzeitig unglaublich gut an. Fast berauschend. So tief in etwas einzudringen, mit allem was man hat. Nicht nur oberflächlich verstehen. Sondern wirklich: bis ins Innerste. Während ich diese Website baue, kommen mir zwischendurch immer Tränen. Weil ich anfange, mich selbst zu verstehen. Ich entwickle Selbstmitgefühl. Selbstakzeptanz.
Und gleichzeitig formiere ich mich innerlich gegen etwas, das vermutlich noch viel älter ist und stärkere: Diesen massiven Selbsthass. Diesen inneren Antreiber. Dieses Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Hyperfokus fühlt sich deshalb für mich manchmal fast spirituell an. Als würde mein Gehirn plötzlich einen Tunnel öffnen, durch den ich endlich wirklich an etwas drankomme. An Gefühle. An Gedanken. An Wahrheit.
Aber Hyperfokus ist nicht einfach schön. Er ist auch brutal. Denn irgendwann meldet sich der Körper zurück. Nicht sanft. Sondern mit voller Gewalt. Herzrasen. Schmerzen. Zittern. Völlige Überlastung. Und dann kommt dieser Punkt, an dem ich kaum noch aufstehen kann, aber gleichzeitig innerlich immer noch weitermachen will. Selbst Essen wird dann plötzlich anstrengend. Grundbedürfnisse wirken absurd kompliziert. Als hätte mein Gehirn komplett vergessen, dass ich eigentlich ein Mensch mit Körper bin. Und danach existiere ich oft erstmal nicht mehr richtig. Dann bleiben nur: Körpersymptome. Angst. Erschöpfung. Leere. Wie nach einem kompletten inneren Abriss. Und vielleicht ist einer der traurigsten Gedanken daran: Dass ich mich im Hyperfokus manchmal echter fühle als außerhalb davon. Lebendiger. Klarer. Verbunden. Und deshalb bleibt danach oft diese Frage zurück: Wer bin ich eigentlich ohne Hyperfokus? Und manchmal denke ich: Vielleicht niemand.
— Kat