Alles brennt
wenn ich überreizt bin
Menschen denken bei Reizüberflutung
oft einfach an: „zu laut.“
Aber bei mir reizt irgendwie alles. Geräusche natürlich.
Aber auch:
Licht.
Gedanken.
Gefühle.
Gespräche.
Stimmungen.
Zu viel reden.
Zu wenig reden.
Sonne.
Gerüche.
Menschen.
Unausgesprochenes.
Stoffe auf der Haut
Neurodivergente Gehirne verarbeiten Reize tatsächlich anders und intensiver. Es fehlt ein automatische Filter, der unwichtige Informationen einfach ausblendet - den haben neurotypische Gehirne in ihrer Grundausstattung.
Bei mir fühlt es sich jedoch so an, als würde einfach alles gleichzeitig ungefiltert reinkommen. Und nichts bleibt draußen.
Manche Geräusche machen mich dabei irrational aggressiv. Wirklich aggressiv. Das Geräusch der Dunstabzugshaube ist zum Beispiel ein Endgegner. Oder dieses Fertig-Piepen von Mikrowellen.
Vor allem wenn sie nicht nur einmal piepen, sondern mehrfach.
Und innerlich schreit dann alles in mir:
„JAAAAAAAAA. ICH HAB GERAFFT, DASS DU FERTIG GEGART HAST. HALT DEINE VERFRICKTE FRESSE.“
Und das Absurde ist: Mir ist komplett bewusst, dass das für andere Menschen völlig unverhältnismäßig wirkt. Aber in meinem Nervensystem fühlt sich dieses Piepen in solchen Momenten an, als würde jemand mit einer Gabel direkt an meinem Gehirn kratzen. Restaurants sind auch wild.
Besteck.
Musik.
Menschen.
Licht.
Bewegungen.
Gerüche.
Gespräche.
Und ich kann oft die Gespräche von anderen Tischen mitverfolgen, obwohl ich das überhaupt nicht will.
Teilweise kann ich danach gefühlt die Dynamik von vier anderen Paaren rekonstruieren. Wer genervt wirkt.
Wer traurig ist. Wer sich gleich streitet. Wer frisch verliebt ist.Wer emotional schon halb aus der Beziehung ausgestiegen ist.
Und das alles passiert gleichzeitig,
während ich eigentlich nur versuchen will, mein eigenes Gespräch zu führen.
Supermärkte sind ähnlich schlimm.
Familienfeiern? Ach du Scheiße. Da kommen einfach ALLE Endgegner zusammen: Und zusätzlich fliegt noch ganz viel altes emotionales Zeug durch den Raum, das niemand ausspricht, aber irgendwie trotzdem da ist.
Und mein Gehirn verarbeitet dasalles. Permanent. Manchmal fühlt sich Überreizung deshalb so schlimm an, dass ich wirklich Angst habe, mein Körper explodiert gleich. Oder hört einfach auf weiterzuleben.
Weil irgendwann einfach alles brennt.
Der Kopf.
Die Gedanken.
Der Körper.
Die Gefühle.
Dann kommen:
Kopfschmerzen.
Ohrensausen.
Bauchweh.
Herzrasen.
So ein diffuses schlimmes Körpergefühl, das man kaum erklären kann.
Und das Verrückte ist: Von außen wirke ich oft trotzdem noch relativ normal. Ich funktioniere einfach weiter. Bis irgendwann gar nichts mehr geht. Und danach kommt oft das, was viele neurodivergente Menschen „Sozialkater“ nennen. Und ehrlich? Das beschreibt es perfekt.
Es fühlt sich körperlich teilweise wirklich an wie ein echter Kater.
Nur ohne Alkohol. Mein Nervensystem ist dann komplett im Eimer.
Licht tut weh. Geräusche tun weh. Menschen tun weh. Denken tut weh.
Und gleichzeitig beginnt sofort wieder dieser innerere Kampf:
„Reiß dich zusammen. Andere schaffen das doch auch.“
Dabei verarbeitet mein Gehirn tatsächlich dauerhaft viel mehr Reize gleichzeitig, als eigentlich gesund ist.