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Mein Testballon: Ohne Maske auf den Maskenball und dann der Zerfall

  • Autorenbild: Katharina Rippl
    Katharina Rippl
  • 14. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Nach meiner etwas übereilten ADHS-Diagnostik und dem Erhalt des Befunds und der ASS-Verdachtsdiagnose waren 5 Tage vergangen. In dieser Zeit habe ich mich quasi in einem Kat-Hyperfokus selbst vollkommen ungehemmt beobachtet, analysiert, aber auch gespürt. Und ich entdeckte Masken und Strategien, die mir geholfen haben, "normal" zu wirken und zu funktionieren. Ich verstand, wie verrückt mein Leben bisher war – verrückt für mich, unpassend, völlig absurd, Selbstverletzung. Ich verstand, dass ich ein Mantra entwickelt hatte: „Stell dich nicht so an. Du musst“ Z.B., "Stell dich nicht so an, das ist nur ein Supermarkt, du musst...." Das Mantra hat mich ziemlich effizient durch mein Leben gepeitscht. Etwas boomermäßig - du musst es nur genug wollen, dann bist du auch glücklich! ... Jedenfalls, als ich das so erkenne und verstehe, bin ich schockiert, traurig, aber auch amüsiert, dass ich das einfach selber nicht gerafft habe. Und ich fing an, mehr zu spüren, aber nicht nur Gefühle, sondern tatsächlich Bedürfnisse, … und auch diese Reize, von denen die ADHS-Tanten und Onkels immer reden, und das Unbehagen und die Anspannung, die sich in mir aufbauen. Ich hab’s zugelassen, losgelassen, laufen lassen… statt direkt wieder wegzudrücken. Und selbst wenn ich’s versucht hätte, da war kein „Stell dich nicht so an“, sondern ein "Ja, das ist wirklich total anstrengend gerade für dich, das ist aber ok, geh, wenn's nicht geht." Ich untersuchte also, welche Masken/Strategien ich habe, die ich jetzt schon sehen kann? Und ich hab versucht, sie bewusst loszulassen. Erst mal auf Probe. Und ALTER. Ich glaube, ich habe unterschätzt, was das mit einem Nervensystem macht. Plötzlich habe ich einfach Sachen gemacht, die mein Gehirn offenbar machen wollte, die es irgendwie kuschlig findet und vertraut…

Komische Geräusche machen – halt so wie man sich das von echten Verrückten so vorstellt ;) Ich spreche viel mit mir selbst – laut – irgendwie macht das die Gedanken leiser. Ich rede viel (mehr) mit meinen Tieren. Kurzfristig heftige Tänzchen wo ich auch stand oder Tränen, komische Bewegungen mit Füßen, Armen und Händen. Wortwiederholungen, Wortendungen wiederholen. Sätze laut wiederholen, die irgendwer gesagt hat (ich glaub die letzten Sachen sind eher so autistische Dinger ;))  und ich hab 20 min in der Tram gehockt und laufen lassen (also die Tränen) und es war mir wirklich wumpe, was die Fahrgäste denken. Also ich fasse zusammen: Kat unterwegs ohne Maske.

Dann kam aber persönlicher Kontakt dazu – den ich aus lauter Überforderung erstmal seit Diagnose weitgehend vermied und mich sogar vor meinem besten Freund versteckte (weil ich ja unmaskiert, und er hätte mich dann ja gesehen und vlt nicht gemocht). Jedenfalls hielt ich es für ’ne gute Idee, auf ein erstes Date demaskiert zu gehen. Ich mein, sind wir mal ehrlich, wer geht schon als er selbst auf ein Date. Da schickt doch jeder seine sexy Version 5.2 oder so hin. Naja also ich hab das Original 0.0 hingeschickt.

Menschenkontakt. Voll verrückt. Und vielleicht auch nicht ganz empfehlenswert. Aber der Kontakt über die Dating-App war einfach so super entspannt, dass ich unter der fehlenden Maske ganz vergessen hatte, mir Sorgen zu machen und ein Skript für das Date auszuarbeiten. Gut, ich hab ihn auch vorher gewarnt - er hatte auch ’n Riss im Plätzchen, also ging das schon. Naja jedenfalls, wir treffen uns, erster Moment ist ja immer weird… aber hat gepasst. Chemie stimmt, Typ sieht gut aus… aber klar, ich war komplett überfordert. Hab schnell geredet. Viel. Laut. Total ungehemmt. Und impulsartige Sachen gesagt, wie sie mir in den Sinn kamen, ohne nachzudenken.  obwohl ich  bei der ein oder anderen Aussage wirklich unmittelbar merke, dass die einen Beigeschmack für ihn haben könnte. Ich zweifel nicht immer an der "sozialen Angemessenheit" meines Verhaltens :D Zur Illustration: Wir stehen vor der Kneipe, wo wir rein wollen – ich schmacht des Todes, suche nach meinem kack Feuerzeug… will dringend ’ne Kippe rauchen… Ich fummel also nach meinem „Werkzeug“. Er sagt: „Ich hab ja vor ’n paar Monaten aufgehört zu rauchen, hab 20 Jahre stark geraucht.“ Ich steh da und denk mit meinem angehenden Nikotinentzug einfach bloß: rauchen, Kippe rauchen, Kippe. Und was will er mir denn damit jetzt sagen? Ich denke 0,2365 sec nach und sage:

„Aha und du willst jetzt, dass ich sage, dass das voll krass ist und stark oder?“

Oo

Ich wusste in dem Moment, dass es nicht cool ist, sowas zu sagen, weil es ja tatsächlich krass ist, wenn man es schafft, mit dem Quatsch aufzuhören. Er hat zum Glück gelacht und meinte: „Du bist schon witzig.“ PUH. Glück gehabt. Das war ja auch eigentlich gar kein Witz, sondern eine Feststellung, die aber eben verletzend sein kann. Und absurd ist, dass mir die Situation bis jetzt im Kopf rumgeht und ich ein schlechtes Gewissen habe, so „asozial“ reagiert zu haben. Es gab noch mehrere solcher verbalen Entgleisungen meinerseits.

Dennoch war es eins der besten Dates, die ich je hatte, und wir hatten auch ein zweites ;) Also kann’s für ihn auch nicht ganz schrecklich gewesen sein.

Es ist jedenfalls spannend, durch die Welt zu laufen bzw. zu rempeln (das ist nämlich auch neu, dass ich mich noch viel viel öfter unkontrolliert zu bewegen scheine, also mehrfach Ellenbogen- und Kniehauer, Ärmel in der Türklinke hängen bleiben und lauter solche Körperklausigkeiten).

Und dennoch gleichzeitig war da plötzlich mehr Entspannung. Mehr Lachen. Mehr spontanes Weinen. Weniger Kontrolle.

Aber dann wurde es auch richtig unheimlich.

Ich dachte irgendwann wirklich, ich verliere den Verstand.

Plötzlich: Nichts funktioniert mehr. Wirklich nichts.

Ich hab kein Hungergefühl mehr. Dann plötzlich: Zittern. Beine. Knie. Herzrasen.

„Oh fuck, ich muss wohl was essen.“

Stresst brutal, geht irgendwie nicht, einfach fix was essen.

Dann ess ich ’ne Banane in Etappen, weil ich immer wieder vergesse, dass ich gerade dabei war, ’ne Banane zu essen 😭 und mir dann irgendwas anderes eingefallen ist. Kurze Zeit später: „Oh eine braune Banane“ und die dann gegessen usw.

Und Kochen? WTF. Mein Hobby Kochen kommt mir plötzlich absurd kompliziert vor.

39372792 Schritte. 374828739 Planungsschritte vorher.

Also kauf ich gerade einfach Snacks. Um irgendwie zu überleben. Gerade sind’s Weintrauben und Nüsse … und halt Bananen, die aber einfach zu lang sind für Menschen mit ADHS :D

Und dann Gedanken springen. Ständig Fäden verlieren. Wörter vergessen.

Und dann hab ich sogar vergessen, Berti zu füttern.

BERTI. MECKERBERTI.

Der ultranervige kleine Typ, der wirklich absurden Terror macht, wenn er Hunger hat ODER NUR APPETIT. Katzen eben.

Und trotzdem war plötzlich 16:30 Uhr und er hatte noch nichts bekommen, bis er mich gezwickt hat 😭 Das Zwicken hat mich aus’m Hyperfokus geholt.

Vor paar Tagen absolut undenkbar.

Und dann dachte ich wirklich: Okay. Jetzt verliere ich komplett den Verstand. Wie kann es sein, dass ich nur weil jemand jetzt die Diagnose gestellt hat, nichts mehr hinkriege. Bilde ich mir das ein? Ich bin doch die gleiche Person wie vorher. Oder? Oder nicht?

Und aus Zufall stieß ich bei Insta kurze Zeit später auf einen Begriff: Skill Regression.

Ich zitiere:

„Skill Regression (Kompetenzrückgang) ist der zeitweise Verlust bereits vorhandener Fähigkeiten. Nach einer Diagnose – insbesondere von neurodivergenten Zuständen wie Autismus oder ADHS – ist dies ein häufiges Phänomen, bei dem Betroffene infolge von Überlastung, Stress oder dem plötzlichen Wegfall von Bewältigungsstrategien vorübergehend weniger leisten können als zuvor.“ Quelle: https://3sc.org/skill-regression-post-diagnosis/

Ich war SO beruhigt, als ich gelesen hab, dass es das wirklich gibt 😭

Nicht weil’s schön ist.

Sondern weil ich plötzlich dachte:

Okay. Ich bin wenigstens unter den „Unnormalen“ normal.

Und das KRASSE ist: Ich liebe es irgendwie trotzdem.

Denn da ist neben der absoluten Unfähigkeit zu allem auf einmal plötzlich die Fähigkeit zu Selbstakzeptanz und Selbstliebe.

Und die Gewissheit: Ich muss nicht funktionieren und Leistung bringen, um hier zu sein.

Ach und: Gestern bin ich zum ersten Mal in meinem Leben 17 Minuten zu spät zu einem privaten Treffen gekommen 😭

17 Minuten.

Ich bin erst in die falsche Bahn gestiegen. Dann auch noch an der falschen Haltestelle ausgestiegen.

Und ich hatte null Selbstvorwürfe.

NULL.

Keine komplette innere Katastrophe. Kein Selbsthass.

Ich fand’s einfach nur witzig 😭

PS: Ich bin krankgeschrieben, denn ich bin wie beschrieben, absolut arbeitsunfähig. ;)

@alle Boomer: Leben ist wichtiger als Arbeit, und ohne Leben auch keine Arbeit.

Daher bitte ich, von Fragen bezüglich meines Krankenstandes und meiner weiteren Karriereplanung abzusehen 😄

 
 
 

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